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Christlich-abendländische Kultur. Eine Legende

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BergmMythosSchatten über Europa„, in dem der große Anteil des Christentums am Niedergang antiker Hochkultur und des „finsteren“ Mittelalters in nachvollziehbare und  gut lesbarer nachgewiesen wird, haben wir schon lange auf unserer kleinen Buchempfehlungsliste. Nun ist „Christlich-abendländische Kultur – Eine Legende„, der dritte Teil der Auseinandersetzung mit dem Einfluss des Christentums auf die Gesellschaft, der erste war „Kaiser Konstantin und die wilden Jahre des Christentums„, erschienen. Bergmeier gelingt es hier, wie gewohnt gut belegt, diese heute oft sogar christlich-jüdische genannte,  angebliche unsere Werte prägenden Kultur des Abendlandes als Mythos zu entlarven.

Rolf Bergemeier ist nicht nur ein guter Historiker. Wie interessant und lehrreich auch seine Lesungen sind, wird in einem Bericht von Bernd Kammermeier, den ich hier mit  seiner freundlichen Genehmigung wiedergeben darf, deutlich:

Viele Politiker predigen gebetsmühlenartig, wir lebten in einer Welt, die von der „christlich-abendländischen Kultur“ geprägt sei.

Deren Existenz stellt der Historiker Rolf Bergmeier ohne Wenn und Aber infrage. Mehr noch, er entlarvt sie in seinem Fazit als dreiste Lüge. Bei seinem detailreich vorgetragenen Referat im Haus Weitblick der Giordano Bruno Stiftung (gbs) in Oberwesel am 2. Februar blickte er auf viele Jahre historischer Studien in über tausend Quellen zurück. Die daraus entstandenen Werke „Kaiser Konstantin und die wilden Jahre des Christentums“ und „Schatten über Europa“ bilden mit dem neuesten Band „Christlich-abendländische Kultur“ eine Trilogie zu diesem kulturpolitisch höchst brisanten Thema.

Kenntnisreich und mit vielen Zitaten belegt demontierte Bergmeier in seinem gut besuchten Vortrag die Mär der kulturellen Wurzeln Europas im Christentum. Im Gegenteil, er brandmarkte dessen kulturvernichtende Wirkung als einen tausendjährigen Niedergang der in griechisch-römischer Antike gewonnenen Erkenntnisse.

Obwohl diese Fakten nicht zu leugnen sind und keine Außenseitermeinung darstellen, gerieren sich deutsche Politiker der ersten Garde so, als hätten wir alle modernen Errungenschaften dem Christentum zu verdanken, als sei das Kreuz ein Wegweiser in die Moderne. Dabei sieht Bergmeier die wahren Wurzeln westlicher Demokratien neben einer geglückten Aufklärung der Europäer gegen das Christentum eben in antiker Denkarbeit, die in der Renaissance wiederentdeckt wurde, sowie in der arabisch-islamischen Erhaltung und Vermehrung dieses Kulturerbes, das gläubige Christen im Mittelalter systematisch vernichteten.

Was zuvor als fortschrittliche römische Bau- und Lebenskunst entstand – seinerseits basierend auf der griechischen Antike -, weitergegeben in allgemeinen Schulen, bekämpfte der christliche Klerus. Dabei hatte sich dieser gerade erst im 4. Jahrhundert nach aufreibenden Geburtswehen in Mitteleuropa etabliert. Die erschreckenden Folgen zeigten sich in allgemeinem Analphabetismus und dem Verfall der mittelalterlichen Buchbestände gerade in den zu Unrecht gepriesenen Klöstern. Im Verhältnis 1:1.000 gingen hier nach Meinung von Rolf Bergmeier Buchbestände aus den Bereichen Philosophie und Naturwissenschaft verloren: Werke antiker Denker, die zum Teil nur dank arabischer Übersetzungen überleben konnten.

Bergmeier vertritt deshalb die Meinung, dass unsere Politiker heute gut beraten wären, wenn sie auf die muslimische Kultur nicht mit der Überheblichkeit des Christentums herabblickten, sondern voller Dankbarkeit auf die Erhalter und Förderer wertvollen, griechisch-römischen Wissens zugingen. Dies könnte seiner Meinung nach deren Herzen für einen konstruktiven Dialog öffnen.

Meiner persönlichen Meinung nach verkennt Bergmeier an dieser Stelle allerdings die heutige Funktion des Islam. Unstreitig richtig ist der gewaltige Beitrag der arabischen Kultur zur Moderne. Viele heute übliche Begriffe stammten aus dem Arabischen, wie der Historiker eindrucksvoll ausführte. Allerdings begann dieser Prozess in vorislamischer Zeit und wurde bis zum 9. Jahrhundert gefördert, bis der Islam in seiner dogmatisierten Starre diese Fortschritte zunichtemachte. Wenn diverse Autoren recht behalten und der Islam nicht mit einem Propheten Muhamad begann, sondern als allmähliche Häresie des syrisch-aramäischen Christentums, das im Kern die 325 im Konzil von Nicäa festgeschriebene Gottgleichheit Jesu ablehnte, dann könnte dies durchaus mit Bergmeiers Sicht der Dinge zusammenpassen. Dann hätte der Islam – der seine christliche Wurzel bis dahin vergessen hatte – tatsächlich erst zwischen 900 und 1000 n. Chr. seinen fortschrittshemmenden Siegeszug angetreten. Auch die von Bergmeier behauptete Judenfreundlichkeit des Islam wäre so erklärlich, weil sich die östlichen Häretiker wieder nur einen Gott ohne vergotteten Sohn – wie die Juden – wünschten und nicht das himmlische Dreigespann, wie es im Westen seit dem Konzil von Konstantinopel 381 propagiert wird. Erst später wurden Juden bekämpft – möglichweise auf Basis falsch übersetzter Texte, die auf das fraglos judenfeindliche Christentum hindeuten. Im Resümee verbindet sich dies wieder in Bergmeiers Feststellung, dass sich Islam und Judentum näher stünden, als Judentum und Christentum. Doch das nur als kleine Anmerkung von mir aus dem Grund, weil es entsprechende Einwürfe aus dem Publikum während der anschließenden Diskussion gab.

Uneingeschränkten Beifall erhielt der studierte Historiker und Philosoph für die Feststellung, die erweiterte Bezeichnung des streitgegenständlichen Begriffs als „christlich-jüdisches Abendland“ – diese, so Bergmeier, „Bindestrichkonstruktion“ – werde nicht nur durch Juden zu Recht als heuchlerisch zurückgewiesen. Und doch benutzten sie gerne und oft führende deutsche Politiker. Gerade das Christentum habe beginnend mit Paulus stets eine unverhohlene Judenfeindlichkeit gelebt, die sich quer über Luther bis zu den Nazis erhalten habe und noch heute christliches Denken durchdringe.

So mutierte Jesus vom Juden zum Christen und die Römer wurden durch die Juden als angebliche Christusmörder ersetzt. Eine taktische Logik verbirgt sich dahinter, schließlich wollte das Christentum Staatsreligion im römischen Reich werden. Doch heutige Politiker weigerten sich, diese Querverbindung zwischen christlichem Judenhass und dem Holocaust zu ziehen.

„Heute haben wir eine neue Bundesregierung“, wurde Rolf Bergmeier zum Ende seines Vortrages tagespolitisch, „in der alle Mitglieder sich in irgendeiner Form aktiv für die christlichen Kurskirchen ins Zeug legen, vorgeblich, weil letztere für die Gemeinschaft unentbehrlich seien; tatsächlich, weil den Politikern aber der Bildungshorizont fehlt, sich vorzustellen, dass Europa mit Sokrates und Cicero, David Hume und Kant, mit Philosophie und religiöser Toleranz, mit Freiheit und Demokratie, ohne Sachsenkriege, Kreuzzüge, Inquisition, Judenverfolgung, Hexenhammer, ohne Religionskriege und Holocaust, und ohne Indices verbotener Bücher heute wohl auf einer höheren Kulturebene leben würde.

Stattdessen ziehen weitere Gesinnungsfakultäten in die deutschen Schulen und Hochschulen ein – die muslimischen. Und auch ihre Lehrstühle werden auf Staatskosten betrieben. Da ist es nur konsequent, dass der Zentralrat der Muslime auch noch einen religiösen Feiertag und eine eigene Militärseelsorge verlangt. […]Diese Mischung aus Missionierungswahn, einem Mangel an Kompetenz und Nachdenklichkeit, aus dienender Parteiloyalität und Pöstchenschieberei ist eine Kriegserklärung an eine rationale Politik, an den innenpolitischen Frieden und fördert die Erodierung des Vertrauens in die etablierten Parteien und damit in die Demokratie. Wir haben ein deutsches Problem. […] Deutschland, das Land der Dichter und Denker, das Land von Kant und Nietzsche, Goethe und Schiller, Lessing und Heine, Hegel und Fichte, was haben sie aus dir gemacht?“

Vielen der zahlreich erschienen Zuhörer in Oberwesel war die Quintessenz von Bergmeiers Vortrag nicht unvertraut, doch wurde in der folgenden Diskussion allgemein die gute Belegung und Vollständigkeit dieser Sicht gelobt. Der Autor hat mit seiner Trilogie einen wirklich wichtigen Meilenstein zur Widerlegung des Mythos „christliches Abendland“ gesetzt.

Auch wenn der lebhafte Meinungsaustausch der Zuhörer bisweilen sehr von der auf das Mittelalter begrenzten Thematik in aktuelle politisch-soziologische Themen abglitt, kreiste sie jedoch beharrlich um den Punkt, was wir denn jetzt mit diesen Erkenntnissen anfangen sollten. „Scheiße muss nicht nur gemalt, sie muss auch weggeräumt werden“, wurde von einem Zuhörer zitiert.

Michael Schmidt-Salomon fand in dieser Debatte eine elegante Überleitung zu seinem Vortrag im nächsten Monat, bei dem er sein neuestes Buch „Hoffnung Mensch“ vorstellen wird. Er zeigte auf, dass es in der Menschheitsgeschichte trotz aller Irrungen und Wirrungen einen Trend hin zu offeneren, gerechteren und stärker wissensbasierten Sozialsystemen gebe, der gerade in den letzten Jahrzehnten deutlich beschleunigt worden sei. Deshalb sei es zumindest in den weitgehend säkularisierten Gesellschaften Westeuropas höchst unwahrscheinlich, dass die von manchem Zuhörer befürchtete Kampfeslust der Religionen zum Erfolg führen werde.

Im Gegenteil, der Vorstandsprecher der gbs sah zwar auch die massiven Rückzugsgefechte der Kirchen, zeigte sich aber sicher, dass die Kirchen trotz ihrer Milliarden und der CDU im Gepäck z.B. beim Kampf gegen die Sterbehilfe oder um das kirchliche Arbeitsrecht verlieren würden, „weil sie die Bevölkerung nicht mehr hinter sich haben“. „Und das wird für alle weiteren Privilegien nach und nach passieren“, so Schmidt-Salomon optimistisch weiter, der dies – inklusive der Ablösung der umstrittenen Staatsleistungen – innerhalb der kommenden zehn Jahre sieht. Rolf Bergmeier stimmte dem zu und bezeichnete die noch erkennbare Realitätsverweigerung vieler Kirchenvertreter als „glaubensabsurd“.

Einer der Zuhörer, Hermann Josef Schmidt, studierter Philosoph und Kuratoriums- und Beiratsmitglied der gbs, brachte dazu einen sehr pointierten Redebeitrag: „Wir haben einen gesellschaftlichen Verschiebungsprozess. Wir haben über 80% Beinahe-Humanisten bereits in den christlichen Kirchen. Es verändert sich in der Einstellung so viel, dass im Grund immer dann, wenn sich Politik noch religiös äußert, sie sich eigentlich nur noch für Fundamentalisten äußert. […] Es besteht die Gefahr, dass diese ‚Pressure-Gruppen‘ sich teilweise durchsetzen.“ Der Zugang zu Medien, die nicht religiös gesteuert werden, sei ein probates Mittel dagegen, doch jeder sei aufgerufen, das seine dazu beizutragen, damit es gelinge die Gesellschaft auf den zu erwartenden Rückgang der Religion vorzubereiten. „Laden Sie Ihren Hirncomputer auf mit den besten Informationen und belästigen sie damit Ihre Umwelt,“ so Schmidt in seinem vielbeklatschten Resümee.

Schließlich endete wieder einmal ein äußerst lohnender, teilweise unerwartet kämpferischer Nachmittag am Rhein, der durch Sektempfang, Kaffee und Kuchen der herzlichen Gastgeber Bibi Binot und Herbert Steffen versüßt wurde.

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